Drittes mikropoetisches Manifest

Sprache und Wirklichkeit sind zugleich ineinander verwoben und einander Raum. In der Mehrdimensionalität des Wortes als Name und Bedeutung, als gedachtes, geschriebenes und gesprochenes, als Zeichen, Klang und Schrift ist die räumliche Struktur der Sprache bereits angelegt.

Die Poesie folgt dem Wort in seine mögliche Konkretion, seine Lautform oder visuelle Form als Buchstabenfolge und Bild, geht von dort aus zurück in die Abstraktion der Bezeichnung, weist Bedeutungen zu, oder stellt sie in Frage.

Mikropoetische Texte arbeiten mit den Mitteln der Übertragung, der Überquerung oder der Überschreitung, der bewussten Verknappung und Verdichtung von Sprache, Inhalt und Raum.

In der Mikropoesie rückt das Wort in seiner Möglichkeit ins Zentrum, ohne selbst dabei  Mitte zu sein, oder werden zu wollen.

Wenn wir davon sprechen, in die Sprache und damit in die Wirklichkeit einzutreten, die sie durchdringt, heißt dies, Sprache nicht länger nur als gedachtes System aus Grammatik, Lexikon und Syntax zu betrachten, oder aber als bloßes Abbild der Realität, sondern sie als begehbaren Raum zu begreifen, als Sichtbares und Hörbares, als Tastbares.

Ein Wort auszusprechen, es zu denken, zu schreiben, zu lesen ist für uns immer auch ein Schritt in diesen Raum und das Mögliche oder Unmögliche darin, das sichtbar oder unsichtbar Bleibende, das er für uns bereit hält, hinein.

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